In Japan notiert

 

Gestern hat einer, der mit Glühwürmchen arbeitet, zu mir gesagt „the fly has a right“. Als ich höflich aber leicht zweifelnd nickte, sagt er wieder, the fly has a RIGHT. - A Rright. Wer kapiert das? Schließlich dämmerte es mir, er meint ein Licht, the fly has a light.

 

An einem Mittwoch im Jahre 2000 bin ich umgezogen, aus dem Rotlichtviertel TenJin in die Nobel-Herberge "Hyatt Residential Suites", 11. Stock. Momochi-hama Sawara-ku. Yuzo Ninomiya, der die Aktion wohlwollend begleitete, sagte abschließend "you started at the bottom and you arrived at the top". Ja, dorthin kannst Du jetzt Kuchen schicken und Bergsteigerbrot sowie (aber Vorsicht) wohlgemeinte Ratschläge. - Am Tag drauf, abends, gab es wieder "law fish" in Canal City:

 

In meinem Hotelzimmer in Fukuoka hängt ein Bild von David Hockney, „Large Interior“. Erst muss man sich mit der Perspektive arrangieren, dann bewundert man die Individualität und Ausdruckskraft der Stühle, Sessel und anderer Möbel vor dem Kamin, dann kommt man drauf, dass Menschen komplett fehlen, schließlich merkt man, dass die Möbel die Menschen sind.

 http://www.posterwelt.de/hockney.htm

 

 

Ein kurzer Bericht von meinem Ausflug nach Tokio, von dem ich gestern zurückkehrt. Musste dort viel arbeiten, doch waren die Leute freundlich zu mir. Mein Sponsor brachte mich in einem Hotel unter (Tono—Prince Hotel), dessen Luxus einem Agha Khan eher entsprochen hätte. Bis zum Teich im Garten mit den frisch gebürsteten und gewaschenen Koi war alles perfekt. Auch die hygienische Seite, mit geheiztem Klodeckel und automatischer Warmwasserspülung, ließ nichts zu wünschen übrig. Ich glaubte immer, die sicheren Merkmale eines guten Hotels zu kennen: nämlich gute Bilder an den Wänden und dass man die Nachbarn nicht hört. Nun konnte ich diese Liste erweitern.

 

Doch zur Sache! In der geräumigen Hotelhalle sah ich einen Typen, dessen Haltung und Aufmachung mir verdächtig bekannt vorkam. Das ist ein - Germane, dachte ich. Etwas später sah ich einen anderen. Noch ein Germane, dachte ich. Kurz drauf ein ganze Schar ... ich ging dicht an ihnen vorbei - sie sprachen Deutsch. Wie sich dann herausstellte, die Berliner Philharmoniker. Siebzig Herren des Orchesters und ein Tenor, letzterer kenntlich an seinem dicken Wollschal und seiner Leidensmiene. Sie gaben Tristan und Isolde in der hiesigen Staatsoper, die Eintrittskarte von US$ 500 aufwärts. Das Hotel hat die 71 spielend verkraftet, doch wenn man durch die Korridore ging, klang hinter jeder Tür das Üben von Celli, Bratschen, Klarinetten und Kontrabässen. Das ganze Gebäude ein einziger, herrlicher Klangkörper.

 

 

Ich heiß hier LinJin-sensäi.  Wenn ich in ein Restaurant gehe, bestelle ich einen Tisch indem ich einen Finger hochhalte und dazu aufmunternd nicke. Hai! Klappt fast immer. Manchmal fragen die aber noch Smoker? Nosmoker? Dann schüttle ich den Kopf, schon kapiert, Hai!

 

Höhere Strategien sind nur erforderlich, wenn das Restaurant voll ist. Ist zum Beispiel der einzige freie Platz ein Raucher, dann ist es ein Fehler, Nichtraucher zu sein. Hier habe ich es zuerst mit der logischen "oder"- Verknüpfung probiert, also: ich bin smoker OR nonsmoker. Leider hat das nie jemand begriffen. Auch wenn ich bin: smoker AND nonsmoker führte das zu nichts.

 

Neuerdings bewältige ich diese Hürde aber spielend. Ich werfe einen kurzen Blick in die Runde und dann bin ich eben nur Raucher oder nur Nichtraucher, je nachdem wo ein Plätzchen frei ist.

 

Sitze ich erst am Tisch, habe ich überhaupt kein Schwierigkeiten mit der Bestellung. Ich klopfe energisch auf die Photos mit den Speisen und sage: koko! koko! Die Antwort ist immer Hai! manchmal auch Hai! Hai!

 

Kurz drauf wird kaltes Wasser gebracht und heiße Tücher, später das Bestellte. Sollte jemand mit einer Rückfrage kommen, höre ich mir die geduldig an und sage dann militärisch-knapp: Hai! Das reicht meistens.

 

Nur einmal ließ sich eine Bedienung nicht überzeugen. Sie formuliert eine längere Frage, ich wiege den Kopf, sage dann Hai! Wieder dieselbe Frage, diesmal etwas langsamer, ich etwas lauter Hai! Konsternation. Dann wieder die Frage. Für solche Fälle hatte ich mir schon ein passende Antwort zurechtgelegt. Ich sage Hai! (ja) -- iiiiiie (nein) --- Hai! --- Domo! (ok). Das hat’s dann gebracht, sie zog davon. Aliga-to gozaimaas!

 

 

Am Abend gingen wir in Kyoto (Fushiki et al.) in ein kleines Restaurant. Schuhe ausziehen. Ein einziger Raum, eine Küche mit umlaufender Theke, an der man sitzt sodass man jede Einzelheit der Zubereitungen verfolgen kann. Die Köche waren ein Wirt, eher mager, und seine Frau, mit breitem Gesicht und im Kimono mit einer weißen Spitzenschürze. Diese sah aus wie bei einer Ministrantin, gab ihrer Trägerin etwas Katholisches. Die beiden schienen mir das japanische Äquivalent von Kathrin und Werner-Otto, den alemannischen.

 

Wir bekamen erst Bier und Sashimi, dann Sushi und eiskalten Sake (kurabito aus der shiga Präfektur). Man trinkt ihn aus Gefäßen, die entweder unten in einer Spitze enden, so dass man sie nicht absetzen kann, oder die ein Flötenloch haben, das man ständig mit einem Finger verschließen muss. Das Loch nützt dem Wirt, denn wer nicht absetzen kann, trinkt mehr (sagt er). Nach und nach bekommen wir noch viele andere Sachen serviert. Später warmen Sake. Vor dem kann mir wirklich grausen, doch er regt die Unterhaltung an.

 

Unser Paar Köche berichtet vom allmorgendlichen Besuch auf dem Markt. Kauft er ein und sie schimpft dann? Nein, sie gehen gemeinsam. Der Wirt erzählte von den Essgewohnheiten der japanischen Jugend, MacDonald und so. Es deprimiert ihn. Ich darf verschiedene Sorten von dashi probieren (umami- Suppenbasis). Wir bekommen noch tywan mushi. Er bringt schließlich, mit etwas Geheimnistuerei, ein Fläschchen mit altem Sake, mindestens 15 Jahre, was ein Wunder sei, weil der Reiswein immer im Jahr der Kelterung getrunken wird.

 

Ich erzähle ein bisschen von Werner Otto Feißt und der Sendung „Was die Großmutter noch wusste“. Kochtradition erhalten. Beim Tee dann berichte ich von meinem Vorschlag, eine Sendung zu machen „Was die Großmutter nicht wusste - Otto Feißt und Kathrin Ruegg in Japan“. Eine Idee, die Feißt - so schien es - mit Wohlwollen aufgenommen hat. Inzwischen verblüfft uns der Wirt - nach einem weiteren Schälchen sake - mit dem Geständnis, er sei Protestant. Was ich von der Wanduhr halte, werde ich gefragt. Auf Socken gehe ich schwankend zu diesem Möbel, einer „Citizen Dual Tone“ mit Pendel und Holzgehäuse. Meine Stileinschätzung: protestantisch. Allgemeines Erstaunen. Schuhe wieder anziehen, viele Verbeugungen, Taxi.

 

 

Nach meinem sechsten Vortrag fragte mich einer, ob ich Franzose sei. Wegen meiner Aussprache von „Boll-Jong“ und Ähnlichem. Nein. Aber Französisch würde ich so gut sprechen. Hm? - True story.

 

Man weiß ja, 70% der Japaner sind Shintoisten und 89 % sind Buddhisten. Beide Religionen sind non-agressiv, so dass sie harmonisch koexistieren. (Im Gegensatz dazu sind die aus Nordafrika-Kleinasien stammenden 3 Religionen Judentum, Christentum und Islam aggressiver, sie koexistieren nicht so leicht.) Man sagte mir, das feeling eines Shinto-Schreines sei ein ganz anderes als das feeling eines Buddhistischen Tempels. Bei Shinto ist alles leicht, hell, eher heiter, das Holz in hellen Tönen vom häufigen Schrubben, Reinheit, Sauberkeit geht über alles. Daher angeblich auch die auffällige Sauberkeit der japanischen Straßen, Subways u.s.w., die Kultur der Tatami-Matten und des Schuhausziehens. Im Hause des Buddha aber ist es düster, dunkel, alt, oft auch staubig. Bei Geburt und Hochzeit geht man zum Shinto-Schrein, zur Beerdigung jedoch in den Tempel.

 

 

Am Sonntag ging ich wieder ins Fukuoka Art Museum. Hatte das Gefühl, es sei an der Zeit. Schnurstracks in den Keller, Raum 3, wo die beiden Yakushi-nyorai sind. Der Stehende mit einem Halo und herabgezogenen Mundwinkeln, ein „heilender Buddha“ mit dem Medizinschälchen in der linken Hand. Der andere Yakushi im Lotussitz, ohne Halo, die Rechte wie ein Stoppzeichen vorgestreckt, „ Stop your worries “, in der Linken das Schälchen: „ Ich habe die Medizin “. Umgeben von seinen 12 Generälen, seiner Schutzmacht.

 

Herein kam nun die kleine Yáe, „ Acht Blumen “ (Yáe Shimano). Ob sie was helfen könne? Etwas atemlos. Die Aufsicht habe sie informiert, ich hätte viele Fragen. Woher die Bildstöcke kommen? Aus dem Tokoin Tempel. Der musste aufgegeben werden, weil verarmt. So wanderten die Heilenden ins Museum. Vorher haben die Mönche ihre Seelen zurückge - zurückgenommen. Sie sah mich zweifelnd an. Sie sei zwar nur eine kleine Angestellte in einem Museum, doch so habe man es ihr erklärt. Die Seele oder den Geist herausgenommen. Jetzt sind sie nur noch Kunst, sagte sie. Ob noch Leute kommen, zum Beten? Nur manchmal alte Frauen.

 

Die Generäle sind Beschützer. Zwölf Tierzeichen, 12 Stunden, 12 Himmelsrichtungen, 12 Generäle. Drachen, Hase, Schlange, Pferd, Ratte, Hund, andere. Hier an der Wand? Das ist der junge Buddha, vor seiner Erweckung. Er hat viel Schmuck und Zierrat, ein Prinz. Nach der Erweckung, sie deutet auf die Yakushi, kein Schmuck. Die Handzeichen? Dies zum Beispiel, wenn er die Handfläche nach oben hält, das ist „ Welt in meiner Hand “. Doch wenn er mit Zeigefinger und Daumen einen Ring formt, das ist lai-go-in, „ Ich komme Dich zu retten “ oder „ ich mache Dich ganz “.

 

Die großen Tempelwächter? Sie standen draußen, vor dem Eingang. Sehr stark und mächtig sind sie, niemand kam unbemerkt an ihnen vorbei. Und wortgewaltig. Der erste (rechte) hat einen offenen Mund, er sagt „ á “. Der zweite, mit dem geschlossenen Mund, sagt „ hm “. Erster und letzter Buchstabe des Alphabetes, klar? „ Wir wissen alles “, meinen sie damit. So, sagte Yae, habe man es ihr erklärt. Kongo-rikishi (Vajradhara), 14th century. (Soei ?)

 

 

Die japanische Sprache ist dem Deutschen sehr ähnlich. Deshalb muss ich viel lachen. Wenn z.B. ein Restaurant Hassenkaku heisst, und es drinnen auch so schmeckt, muss ich lachen. Die Leute halten es meinem heiteren Naturell zugute und lachen mit. (Das „u“ wird nicht gesprochen.)  hassenkaku = 7 friendly spirits, a chain of Chinese restaurants.