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 Drachentöter!

 

 

 

Das Märchen von der

langsamen Einführung

der Friedfertigkeit

 

 

erzählt von

Bernd Lindemann

 

 

 

Vom Menschsein des Drachens

Die Ausbreitung des Christentums erfolgte nicht nur durch Überzeugung und Glaubensbeispiel, sondern oftmals durch Gewalt. Der Sieg des christlichen Helden St. Georg über den Drachen, über die Heiden, erinnert an diese Tragödien. Von der Lanze des Christen durchbohrt schwimmt der Heidendra­che in seinem Blute. Der Gedanke, dass Jesus etwas ganz anderes gepredigt hat, kommt in diesem Zusammenhang fast überraschend.

Ältere Legenden von Siegfried und anderen Drachentötern, auch sie erzählen von Unterwerfung, Blutvergießen, Hinschlachtung. Der Drache entstammt alten vorchristlichen Mythologien und wurde in der Zeit der Christianisierung zum Symbol des Heidentums selbst. Zuerst ein scheußlicher Wurm, dann eine geflügelte Schlange, ein geflügelter Löwe, eine geflügelte Echse, hatte er vielerlei Gestalt. Immer hässlich, immer gefährlich, begabt mit Zauberkraft, war er stets ein Zerrbild der guten Schöpfung Gottes. Wer war der Drache wirklich?

Auf diesen Seiten wird ein Heidendrache, wird der verteufelte Heide neu gesehen. Zum ersten Male, glaube ich, wird er als ein Suchender verstanden und dargestellt. Das Märchen von der langsamen Einführung der Friedfertigkeit - aus einem Paralleluniversum scheint die Idee herübergeweht zu sein in unsere Welt, in der religionsbezogene Gewalt wiedereinmal, und wieder­einmal ab­surd begründet, zum Problem wird.

Diese Gewalt ist nicht Sache dieser oder jener anderen Religion allein. Sie war auch unsere Art, Andersdenkende zu bekehren. Die gefiederte Schlange, der Drache, für den 'Heiden' stehend, steht auch für unseren Nächsten. Wie haben wir ihn verteufelt, was haben wir mit ihm gemacht!

Ein großes Gemälde von Volker Schmidt, Saarbrücken, auf dem der Drache sich mit dem Ritter verbrüdert (die Jungfrau schickten sie nach Hause), war erster Anstoß zur Abfassung des "Drachentöter!". Das Märchen schlug freilich schnell seine eigene Erzählrichtung ein. Möge es uns davon überzeugen, dass, wer die Weisheit sucht, die Lanze niederlegen muss.

"...an eynem ostertage ward der trach zu eynem man" heißt es in dem Seyfridslied in der 22. Aventüre. 

 

Homburg, Ostern 2006

B.L.


 


 

Die Erzählung des Alten

 

Dunkle Wolken fegten über den erzürnten Himmel, Wind rüttelte an den Fenstern, Regen peitsch­te Dächer und Straßen. An das Weiterreisen war nicht zu denken und so saßen wir denn schon am Vormittag rastend in unserer Herberge, mitten in einer Schar gleichfalls durchnässter und frierender Reisender. Wir hatten Stühle und Bänke an den Kamin gerückt, dessen Glut neu auf­flammte wenn immer der Sturm, der über den Schornstein fegte, an Stärke zunahm. Dann heulte der Kamin wie eine Orgelpfeife und übertönte unsere Erzählungen.

 

Denn wir erzählten uns Geschichten. Gerade hatte ein rüstiger junger Herr, ein Schulmeister aus Bremen, eine Begebenheit aus den griechischen Sagen zum Besten gegeben, deren Schluss uns allen Stoff zum Sinnen und Prüfen gab. In die Stille hinein erhob schließlich ein Anderer seine Stimme. Es war ein weißhaariger Alter von sparsamen Bewegungen, der in einen grauen Lodenmantel gewickelt am Feuer saß, die Stiefel den Flammen entgegenstreckend. Der Feuerschein flackerte über seinen Bart und sein faltiges Antlitz. So zum Feuer gewandt sprach er zu uns, fast ohne den Kopf zu heben, und rührte sich kaum während der ganzen, nun folgenden Erzählung.

 

Ja, die griechischen Sagen, hub der Alte an, die hören wir gerne. Wild und süß sind sie, schwer und heiter zugleich, voll von Weisheit auch, das würdige Erbe der Antike. Doch darüber vergessen wir leicht das Erbe unserer Väter, vergessen den Sagenschatz unseres eigenen Landes. Deshalb drängt es mich, einmal aus den nordischen Sagen zu erzählen.

 

Ein erwartungsvolles Murmeln erhob sich in der Runde. Was ich zu erzählen habe, fuhr der Alte fort, weiß ich seit meiner Kindheit. Ich träume auch davon und kenne es wie mein eigenes Leben. So mögen Sie mir verzeihen, wenn ich davon berichte, als hätte ich es selbst erlebt. Wer weiß, sagte er nachdenklich, - wer weiß denn schon, was in unserem vorigen Leben alles geschah?

 


Fafnir

  

Es war in den dunklen Zeiten, sagte er, bevor der Heiland zu uns kam. Unsere Väter waren noch Heiden - Heiden waren sie wie jene alten Griechen. Doch wenn der Sturm über unser Meer fegte, dann war es nicht Poseidon mit seinen Rössern, es war die Midgartschlange, die das Meer aufpeitschte. Und am Himmel fuhr nicht Helios mit seinem strahlenden Sonnenwagen, sondern Wotan raste im Wolkensturm mit seinen Schlachtjungfrauen in den Kampf, umflattert von seinen beiden Raben. So mancher der griechischen Götter fand sich wieder bei uns, ernster, düsterer vielleicht, doch erkennbar in dem nordischen Göttergeschlecht der Asen. Nur für die Weisheit spendende Athene gab es nichts Vergleichbares an unserem Himmel.

 

Mächtig waren die Asen, und unsterblich waren sie, und doch unterworfen den Ränken der Schicksal spinnenden Nornen. Stets auf der Hut waren deshalb die mächtigen Asen, auf der Hut vor der Midgartschlange, die mit riesigem Drachenleib die Welt umspannte, und vor dem frostigen Geschlecht der Riesen, deren Kraft nur von Wotans Speer überwunden werden konnte, und vielleicht auch von dem Hammerschleuderer, dem Donnerer, dem gewaltigen Asa Thor.

 

Auf der Erde wohnten die Menschen, sie rodeten die Wälder, säten und ernteten und feierten die Sonnenwenden. Sie zogen ihre Kinder auf, tranken Met und führten ruhmreiche Kriege. So lebten die Goten, die wir Amelungen nennen, so lebten die Franken und die Sachsen.

 

Im Dunkel ihrer Höhlen, aber, hausten die Zwerge. Zaubermächtige Gesellen waren sie, die Erze schürften und daraus Gold schlugen. Auch Eisen schürften die Zwerge und daraus schmiedeten sie die schärfsten Schwerter. So seltsam wie ihre gedrungenen Leiber war auch ihre Sprache, niemand verstand sie. Ihr König aber war der kluge Alberich, der Gerissene, der Schatzhortende.

 

Ein Geheimnis war um die Schätze der Zwerge. Gold und Silber füllte die erzbeschlagenen Truhen, die sie in entlegenen Höhlen stapelten. Doch einige sagen, der wahre Schatz der Zwerge war die Weisheit. Die verstecken sie vor den Menschen, denn boshaft sind die kleinen Kerle. Sie neiden uns unsere gerade Gestalt und sie gönnen uns nicht, was die Asen uns zugedacht.

 

Ich, der Fafnir, wuchs mit meinen Brüdern auf, die ich liebte, die ich aber an Wuchs übertraf und die ich im Faustkampf leicht zu Boden streckte. Das tat ihnen Harm und machte sie tückisch, doch ich lachte nur über Tücke und Tort der Brüder. Niemand konnte mich besiegen: wenn der Kampf begann, lachte ich schon, streckte sie zu Boden und lachte noch viel mehr. Harm tat es den Brüdern und machte sie tückisch, doch was tat's? Ich liebte sie ja und vergaß schnell. 

 

Schon bald nach der Jungenweihe ergriff mich ein seltsames Sehnen. Die Muhme spürte es und fragte: mein Junge, du träumst wohl viel? Ich nickte. Träumst du von einer Frau, mein Fafnir?

 

Doch das war es nicht, ich suchte etwas anderes, einen Lehrer suchte ich. Ich mochte nichts essen und stellte viele Fragen. Die Muhme wusste Rat. Fremde werden kommen, sagte sie. Die frage. Weise sind sie und kennen die Runen. Die werden dir helfen.

 

Ein fremder Mann kam in unser Dorf. Einen schwarzen Bart trug er und einen schwarzen Kittel. Einer wunderlichen Sitte seines Volkes folgend, fällte er unsere uralte Eiche, wild singend schwang er seine Axt. Wunderliche Sitten, fürwahr!

 

Da schickten mich die Brüder, ihm Einhalt zu tun. Geh du schon zu ihm, riefen sie, wir kommen dann nach.

 

Ich nahm einen kräftigen Knüppel und ging auf den Hügel hinauf, wo noch vor kurzem unsere heilige Eiche stand. Der Fremde war eben dabei, das Holz in kleine Stücke zu spalten. Stechend waren seine Augen, hohl seine Wangen.

 

Ich schwang den Knüppel. Hastig zog der Fremde ein kleines Holzkreuz hervor und streckte es mir entgegen. Incubus, rief er schrill, in nomine patri, rief er, und mehr, das ich nicht verstand.

 

Mich ergriff eine seltsame Gewalt. Mein Kopf war gelähmt, der Knüppel entfiel meiner Hand und meine Beine liefen mit mir davon. Bei Wotan, der Fremde hatte Zauberkräfte! Die Brüder hörten es kopfschüttelnd. Oh Fafnir, oh du Unbesiegbarer, riefen sie, wo ist jetzt dein Lachen?

 

Und wo wart ihr, als ich mit dem Fremden kämpfen wollte?, rief ich zurück. Doch zu spät ist es noch nicht: rüstet euch, ihr Brüder, denn zusammen gehen wir nun, den Schwarzkittel zu bezwingen, den hohlwangigen. Zu dritt werden wir es schaffen. Die Brüder aber murrten nur, sie trollten sich, sie kniffen.

 

Ihr Maulhelden, rief ich ihnen nach. Doch sie sagten etwas von einem Gegenzauber. Geh zu Alberich, riefen sie im Davongehen, frag den. Der mag dir helfen. So ging ich denn, den Alberich zu suchen, der hauste in den Bergen.

 

Ohne Wegzehr brach ich auf und als die Stunden in stetem Gehen verstrichen, spürte ich Durst und Hunger, doch es kümmerte mich nicht. Regen kam und ging, immer steiniger wurde der Pfad und immer schmaler. Aufwärts führte der Pfad nun, dürres Heidekraut, dürre Distelstauden säumte ihn, große Felsblöcke auch, blankgeschliffen von dem steten Wind.

 

Am Wege fand ich ein altes Weib. Die Zerlumpte sah mich trotzig an: Fafnir, rief sie, hier führt kein Weg vorbei. Ich schrie zurück: weißt du was, so sag es, sag mir die Zukunft. Wo nicht, nimm dich in acht!

 

Was du suchst, meinte sie, ist ein Lehrer: du wirst ihn nicht finden. Nun gib mir meinen Lohn. Für was?, entgegnete ich, für das Geschwätz einer buckligen Alten?

 

So sei verflucht, eiferte sie, Alberich soll dich verwandeln! Die hässlichste Gestalt soll er dir geben, ein Abscheu sollst du sein den Menschen...

 

Empört wandte ich mich um, packte die Fluchende am Hals und schüttelte sie, dass sie klapperte. Die Verwünschung nimmst du zurück!, schrie ich. Da fürchtete sich die Alte. Sie stammelte, dass Zu­rück­nehmen nicht geht. Wie macht man das? Sie wusste es nicht.

 

Doch dein Los kann ich mildern, schluchzte sie, einen schönen Tod sollst du haben, lachend sollst du sterben. Da ergriff mich der Zorn, ich packte ihre Kehle und drückte zu.

 

Ich ging meines Weges. Lachend soll ich sterben? Das hat noch Zeit. Gegen Abend kam ich in eine tiefe Schlucht. Dort, zwischen Felsblöcken und Heidekraut, schimmerte ein warmes Licht. Der Schein kam aus einer Höhle, in deren Eingang eine Schmiede stand.

 

Vor dem Feuer, auf einen großen Hammer gestützt, wartete Alberich. Klein war er, doch sehr kräftig gebaut. Mit Ruß verschmiert waren Arme, Antlitz und Bart, eine kleine Krone zierte sein Haupt.

 

Du hast meine Wächterin gemordet, sagte er ruhig, das sollst du mir büßen. Ein altes Weib, entgegnete ich, was tut's! Sie war die Elfenkönigin, sagte er. Sie fluchte wie ein altes Weib, entgegnete ich.

 

Aber du, sagte ich weiter, kannst du mich Weisheit lehren? Wo ja, sagte ich, so tue es, wo aber nicht, nimm dich in acht!

 

Alberich lächelte. Weisheit suchst du? Die gibt’s nicht ohne Gegengabe. Musste nicht Wotan selbst ein Auge opfern, bevor er in die Quelle der Weisheit blicken durfte? - Ich müsste dich verwandeln, willst du das erdulden?

 

Lehre mich nur, sagte ich. Wie du das Lehren machst, wirst du schon wissen. Alberich lächelte: so komm herein!

 


 

Der Alte am Kamin hatte während seiner Erzählung reglos gesessen, den Blick in die Glut gerichtet. So als schaute er dort, was er erzählte. Nun blickte er auf, sah uns prüfend an. Was dann geschah, sagte er, das weiß man ja. Alberich als Weisheitslehrer? Sancta simplicitas! Denn reingelegt hat er mich - hat er den Fafnir. Rache hat er geübt für die Elfenkönigin und Rache für seine eigene Zwergengestalt. - 

 

Ja Rache, Rache! Überall übte man Rache, damals, im Himmel, auf Erden, in der Unterwelt. Bis unser Heiland kam, sagte der Alte, denn er, der Heiland, lehrt eine andere Weisheit. Auch er verwandelt uns, doch macht er uns menschlicher. Und, sagte der Alte, die Weisheit des Heilands macht uns frei. Und, sagte er, wir bekommen sie ohne Gegengabe...

 

 

 


Die Erzählung der Clarissin

 

Der Sturm rüttelte an unserem Wirtshaus, schlug wild mit den Fensterläden und orgelte durch den Kamin herab, dass das Feuer ganze Wolken von Funken sprühte. An Aufbruch war nicht zu denken.

 

Unter uns Reisenden befand sich auch eine junge Frau mit dunklem Haar und südlich wirkenden Gesichtszügen. Sie trug die schwarze Tracht der Schwes­tern der heiligen Clarissa, hatte also schon das Gelübde der Armut abgelegt. Der Erzählung des Alten hatte sie mit großer Spannung gelauscht und zu dem letzten Teil, der von der Weisheit unseres Heilandes handelte, sogar eifrig genickt. Nun aber, ein wenig schüchtern zuerst, ergriff sie selbst das Wort.

 

Sie sei, berichtete die Nonne, vom Mutterhaus der Clarissen im fernen Brixen . Dort habe sie, vor Jahren, im Schlafsaal der Novizen neben einer jungen Schwester genächtigt, die im Traum unbewusst zu reden sich nicht enthalten konnte.

 

Die Geschichte, welche die Novizin im Schlaf erzählte, war stets dieselbe. Eben diese Geschichte wolle sie, die Clarissin, uns nun berichten. Dabei werde sie, im Stile ihres Vorredners, wieder die erste Person verwenden. Sie jedoch wissen, meinte die Nonne mit einem diskreten Lächeln, dass nicht ich es war, die dies alles erlebt hat.

 

 

 

 

 


Jungfrau

  

Ach, jene glücklichen Tage im Palast meines Vaters! Behütet wuchs ich auf, Diener und Zofen bewachten jeden meiner Schritte. Am Springbrunnen des Schlossgartens träumte ich, lauschte ich dem Flötenspiel fahrender Musikanten; mit lustigen Hündchen, mit geschmückten Zicklein spielte ich unter den Rosenhecken; ich durfte in prächtigen Folianten blättern, ich erhielt auserlesene Speisen. Täglich kam mein Vater und fragte nach meinem Befinden. Ach du mein Augenstern, sagte er, mein Püppchen, mein Alles. Ach du... Mein Vater trug eine Krone, er war der König.

 

Als ich vierzehn Jahre alt wurde, erfasste mich ein seltsames Sehnen. Die Musikanten, die Soldaten, die Lehrer, sie alle betrachtete ich nun mit anderen Augen. Am liebsten aber betrachtete ich die fahrenden Ritter und Sänger. Sie waren prächtig geschmückt, ritten auf feurigen Röss­lein und wussten artige Schmeicheleien. Dabei ver­drehten sie die Augen, dass ich lachen musste.

 

Meine alte Muhme spürte die Wandlung. Was träumst du denn immer, mein Kind, ist es von einem Ritter? So gestand ich ihr, dass ich von einem Ritter träumte. Jung und stolz war mein Ritter, von Gold war seine Rüstung, stark, heldenhaft war er und lustig.

 

Mein Vater plante ein großes Fest. Er ließ bekannt geben, dass seine einzige Tochter nun alt genug sei, um zu heiraten. Alle Prinzen der Umgebung, soweit sie jung und ansehnlich wären, unvermählt und reich an Ländern und Dukaten, sollten sich einstellen zur Freierschau. Seine Tochter würde dann einen wählen.

 

Die Bedingungen aber waren diese: Die Freier mussten im Turnier gegeneinander kämpfen. Damit nun keiner einen ungerechten Vorteil hätte, sollten sie zuvor Rüstung und Waffen tauschen. Auch die Rösslein sollten sie tauschen. Wer gewann, kam in die engere Wahl.

 

Darauf sollten sie schlichte Gewänder anlegen, das Gesicht mit der Kapuze verhüllen und drei Rätsel lösen, die ich stellen sollte. Wer sie lösen konnte, kam wiederum in die engere Wahl.

 

Ich erschrak. Wie sollte ich den Goldenen erkennen, den Ritter meiner Träume? Auch die Muhme grübelte lange, doch dann wuss­te sie Rat. Wir geben ihm einen grünen Zweig, sagte sie. Den wird er für dich hochhalten, sagte sie, daran kannst du ihn erkennen. Von nun an saß ich oft im Dachgarten unseres Palastes und hielt schon einmal Ausschau nach einem Ritter mit goldener Rüstung und einem grünen Zweig in der Hand. Die Sehnsucht wurde immer größer.

 

Bevor noch der erste Freier eintraf, erhob sich an der Westmauer ein großes Getöse. Vom Dach des Palastes ausspähend, sah ich am Stadttor Soldaten hin und her rennen und Kanonen in Stellung gehen. Dann donnerten Schüsse. Ich sah meinen Vater, den König, persönlich dorthin eilen, seine Krone im Laufen festhaltend, gefolgt von seinen keuchenden Ministern und Leibjägern.

 

Nun erhob sich dort ein grüner Schatten, ein Ding mit Flügeln, ähnlich wie eine große Fledermaus, hoch in die Luft. Es kreiste einmal über dem Tor und kam dann mit rauschenden Flatterschlägen auf mich zu, landete schließlich neben mir auf dem Dach. Dieses Flatterding, dieser ungeschickte Vogel mit dem Schwanz einer Echse, war der Fafnir und er hat mich sogleich entführt.

 

Komm du mit, sagte er kurz, und schon erhob er sich wieder in die Luft, den schuppigen Schwanz fest um mich gewickelt. Weit hinaus trug er mich, über die Stadtmauer ging es, über die Grenze, über die Berge. Die Luft rauschte und sang, mein weißes Gewand flatterte und der Fafnir keuchte von der Anstrengung. Doch er hielt mich sicher bis wir auf einer öden Heide landeten. Dort setzte er mich vorsichtig auf einen Stein, trat etwas zurück und zupfte nervös an seinen Halsschuppen. Er räus­perte sich.

 

Edle Jungfrau, edle Königstochter!, sprach feierlich der Fafnir, ich hoffe nicht, dir Unge­legenheiten bereitet zu haben. Die Reise war hoffentlich angenehm? Ich nickte beklommen. Ich habe dich hergebracht, sagte der Fafnir weiter, weil ich einen Lehrer suche. Lehre mich Weisheit!

 

Ich erschrak. Weisheit? Ich kann mit geschmückten Zicklein spielen, sagte ich, ich kann - ich kann am Spring­brunnen des Schlossgartens dem Flötenspiel lauschen, ich kann alles, was eine Prinzessin können muss, aber Weisheit kann ich nicht.

 

Der Fafnir sank in sich zusammen, Enttäuschung malte sich auf sein grünes Gesicht. Er tat mir leid, wie er so den Mut verlor. So trat ich denn auf ihn zu, legte meine Hand auf seine Pranke und sprach: Höre! Mein Vater ist mächtig, er soll dir - er wird dir einen Weisheitslehrer schaffen. Lass den König wissen wo du wohnest und dass du mich freilässt, wenn der Lehrer kommt. Dann wird alles gut.

 

Das leuchtete dem Fafnir ein. Ein weiser Rat, sagte er, wir wollen ihn befolgen. Ich musste ihm ein Pergament schreiben, auf dem die Bedingungen zu lesen standen. Das trug er des nachts in unsere Stadt. In dieser Nacht hätte ich fliehen können, tat es aber nicht.

 

Gespannt warteten wir nun auf die Ankunft des Lehrers. Nicht lange dauerte es, da erschien ein Reiter. Er saß auf einem schwarzen Ross und war von Kopf bis Fuß in eine schwarz-glänzende Rüstung gehüllt. Sein linker Arm führte die Zügel, der rechte aber eine lange Lanze, die hatte einen lustigen Wimpel an der Spitze. Als der Reiter den Fafnir sah, bekreuzigte er sich. Sodann legte er die Lanze vor sich, dass sie auf uns zeigte, und gab seinem Ross die Sporen. Im gestreckten Galopp jagte er auf uns zu. Der Fafnir rief: bist du der Lehrer der Weisheit?

 

Der Reiter antwortete nicht, schnell kam er näher. Mir wurde Angst, der Fafnir aber richtete sich auf, und als der Reiter herangekommen war, streckte er ihn mit einem Schlage seines Drachenschweifes zu Boden. Das war der schwarze Ritter!, sagte der Fafnir, ich habe schon viel von ihm gehört.

 

Der Ritter rührte sich nicht mehr, das Ross aber erhob sich. Da nahmen wir ihm den Sattel ab und ließen es frei. Hinkend trabte es zurück, suchte wohl seinen Stall in der Stadt.

 

Zwei Tage drauf erschien ein anderer, ein weißer Ritter. Als er uns sah, stieg er vom Ross und zog sein riesiges Schwert. Schwer stapfend kam er auf uns zu, sein langer Umhang mit dem großen Kreuz flatterte im Wind. Der Fafnir rief: bist du der Lehrer der Weisheit? Aber nein, er war nur einer meiner Befreier. Der Fafnir parierte seine Schwerthiebe mit der Schwanzspitze bis der Ritter müde ward. Gib auf, rief der Fafnir, dann lass ich dich laufen. Doch mit neuer Wut kämpfte der Ritter weiter. Da streckte Fafnir ihn nieder. Der Ritter rührte sich nicht mehr, sein Ross aber ließen wir frei.

 

Und so ging es weiter, die Reiter kamen, die Rösslein gingen. Nur ein Weisheitslehrer, der kam nicht. Der Fafnir wurde mürrisch. Es war dein Plan, sagte er, nun lass dir etwas einfallen. Mir kam der Verdacht, dass er keine Lust mehr hatte, mit den Rittern zu kämpfen.

 

So setzte ich mich nieder und schrieb einen langen Brief an meinen Vater, den König. Den Brief haben wir aber nie abgeschickt, denn als ich ihn schrieb, merkte ich, dass ich den Fafnir gern hatte.

 

Wir saßen nun oft zusammen und redeten bis es dunkel wurde. Von seinen Brüdern erzählte der Fafnir, von der hässlichen Alten am Wegrand und von Alberich, dem tückischen König der Zwerge. Wo aber, so dachte ich, ist nun der Alberich? Verschwunden ist er, verschwunden mit der Ankunft des Heilandes, verschwunden mit all den anderen heidnischen Götzen und Geistern. Nur mein Fafnir ist noch da, gebunden durch Fluch und Zauber, letzter Zeuge einer versunkenen Welt.

 

Fluch und Zauber, die bestehen noch, wie kann man die lösen? Du musst mich küssen, sagte der Fafnir. Ich tat's, doch es fruchtete nichts.

 

Und doch, wenn ich ihn küsse scheint mir, dass er sich ein klein wenig verwandelt. Dann träume ich, dass er sein Schuppenkleid ablegt, dass er zu einem Ritter wird. Dann ist die alte Sehnsucht wieder da und ich träume von meinem Goldenen mit dem grünen Zweig, von meinem Herrlichen, mit dem ich heimkehren kann in das Reich meines Vaters...

 

 

 

 

Die Nonne kam zum Schluss. So träumte die Novizin, sagte sie noch. 'Jungfrau' heißt meine Erzählung, doch wer ist ohne Fehl? Die wahre Jungfrau, die einzig reine, möge uns beschützen.







Meine Erzählung

 

 Der Sturm wollte nicht nachlassen. Wieder und wieder rannte er gegen unsere Herberge, nun auch Schnee und Hagel vor sich hertreibend. An ein Weiterreisen war nicht zu denken. Wir rückten enger an das niederbrennende Feuer und warteten, wer wohl als Nächster zum Erzählen sich bereit fand. Schließlich sagte ich:

 

Da Sie mich so erwartungsvoll ansehen, scheint mir fast, dass die Reihe an mir ist, eine Geschichte zu erzählen. Herr Wirt, eine Runde Eures guten Tokaier! Denn durstig macht das Erzählen und niemand trinkt gern allein.

 




Drachentöter!

  

Ja, wie war denn das, damals? Ich ritt des abends auf eine fremde Stadt zu, und da die Sonne mir gerade ins Gesicht schien, brach ich einen Zweig und hielt ihn vor mir in die Höhe, die Augen zu beschatten. Kaum aber spürte ich die Wohltat des Schattens, da erschallten Fanfaren von den Mauern und Zinnen und bald hörte ich ein großes Geschrei und die Worte ER KOMMT, ER KOMMT.

 

Als ich mich noch umblickte, um zu sehen, wer denn käme, da ergriffen viele Hände schon den Zaum meines Rössleins und führten uns, das Röss­lein und mich, im Triumph in die Stadt hinein. Er hat das Zeichen, riefen die Leute, auf meinen Zweig deutend, und unser Retter, riefen sie, er ist da.

 

Den Irrtum aufzuklären, bat ich um Gehör. Doch nun stand ich schon vor dem König, der mich gerührt in seine Arme schloss und in bewegten Worten für mein Kommen dankte - wobei er mir die Wangen tätschelte. Da spürte ich, dass Erklärungen schwerlich noch ein wohlgeneigtes Ohr erwarten konnten. So schwieg ich denn. Ach du!, sagte der König, indem er mich bewundernd musterte. Dann rief er, zu dem Volke gewandt: Dieser edle Ritter ist gekommen, uns zu retten. Er wird den Fafnir besiegen, den feuerspeienden, und die Jungfrau befreien. Alsdann, dabei hob der König die Stim­me, dass sie weit über den Marktplatz schallte, alsdann wird Hochzeit sein! Das Volk jubelte und jauchzte, wieder schallten die Fanfaren, voll Hoffnung war ein jedes Herz.

 

Ach du!, sagte der König zu mir, und dann raunte er zu seinem Minister: er spricht nicht, er ist stumm! Der Kluge erwiderte ohne Zögern: kein Mann des Wortes, doch ein Mann der Tat! Fürwahr, der Himmel hat ihn uns gesandt, denn einen Mann der Tat, das ist's aufs Haar, was wir so dringlich uns erhoffen.

 

Ich schwieg dazu und schwieg auch, als man mir die güldne Rüstung um­ge­schnallt und mir die lange Lanze angepasst. Die Sonne war noch nicht im Nest, da ritt ich schon wieder zur Stadt hinaus, nun glänzend her­aus­staffiert, ein Mann der Tat. Fanfaren schallten, Trommeln rührten, mein grüner Zweig aber, der alles verursacht hatte, der war an meinen Helm gebunden. Als nun das Rösslein trabte, da rauschte und nickte der Zweig und war wohl das letzte, das die Leute von uns erkennen konnten, als der Staub der Heerstraße uns umhüllte - der Staub der Straße, die zum Fafnir führte.

 

 

 

 

 

Nun entstand eine Pause, denn die Magd drängte sich durch unsere Reihen, in den Armen große Holzscheite. Sie schürte die Glut und bald flackerte das Feuer auf und die Scheite sprühten und knackten. Der Wirt aber brachte neuen Wein. Schließ­lich war es wieder still.

 

Da erhob ich mein Glas, hielt es gegen das Licht und drehte es, dass der Wein im Schein der Flammen funkelte. Ich nahm einen tiefen Schluck, ließ den Wein sodann abermals funkeln und sprach: rot ist er fürwahr, rot wie das Blut des Fafnir! Doch hören Sie nun wie es weiterging, mit dem - Drachentöter.


Die Nacht brach herein und mein Rösslein hatte Mühe, seine Schritte auf der Strasse zu finden. So stieg ich denn ab und führte das Tier am Zügel. Im Gehen aber drückte und rieb meine güldene Rüstung. So zog ich sie denn aus und schnallte sie auf den Sattel. Das wollte nur schwer gelingen, bis ich darauf verfiel, die Rüstung im Reitersitz auf den Sattel zu binden. Dort saß sie nun aufrecht, das Visier herabgelassen und die Lanze eingelegt wie zum Gefecht. Ich aber schritt neben dem Ross, der Knappe nur noch des güldenen Ritters. Des wortlosen Ritters auch - denn kein Wort sagte der Seltsame, den ganzen Abend verbrachte er in nachdenklicher Schweigsamkeit.

 

Als es gänzlich dunkel wart, suchten wir uns neben der Straße, zwischen Felsbrocken und Distelstauden, ein Plätzchen zum Lagern. Dort lehnte ich den Ritter gegen einen Baumstumpf, wie zu Rast und Ruhe. Er nahm es dankbar an, rutschte auch noch etwas tiefer in eine bequeme Lage, ließ jedoch sein Visier geschlossen. Mein Rösslein aber, das uns so treu getragen hatte, ließ ich frei zu grasen und zu dösen. Nachdem alle versorgt waren, streckte ich mich aus und fiel alsbald in einen tiefen Schlummer.

 

Kaum war ich eingeschlafen, da vernahm ich ein Stampfen und Dröhnen, als liefen hundert Rösser mit gleichem Schritt und Tritt. Die Erde bebte und die riesigen Felsbrocken erzitterten. Auch sah ich einen Schein wie Feuer und Schwefelbrand, dazu hörte ich ein Fauchen und Zischen. Der Drache, dachte ich, da kommt er - und schon ist es aus mit uns!

 

Ich zitterte und meine Zähne klapperten. Der Fafnir aber - ließ mich ganz unbeachtet. Gleich einer Dampf- und Feuerwalze stampfte er an mir vorbei und erst vor dem güldenen Ritter kam er zischend und fauchend zum Stehen. Der Ritter aber saß still da, wie unbeteiligt.

 

Es schien mir nun, dass der Drache sich von der großen Ruhe des Ritters anstecken ließ. Er zischte und fauchte immer weniger, schließlich hielt er ganz inne damit, setzte sich vor dem Ritter auf den Boden und sprach: Ihr habt ja recht, auch mir hängt's langsam zum Halse raus!

 

So schloss man also Frieden. Fürderhin verlief die Unterhaltung gedämpft, ich verstand nur noch die Hälfte, oder weniger. Es schien als erzähle der Fafnir eine längere Geschichte, der Name der Jungfrau kam mehrfach darin vor. Ich schlief drüber ein.

 

Am Morgen, als ich aufwachte, sangen die Vögel und Tautropfen glitzerten auf Heidekraut und Spinnenweben. Das Rösslein war schon wach und leckte den Tau von den Felsen. Als nun die Sonne aufging, lichtete sich der Nebeldunst und alles, auch die feuchtschimmernde Rüstung des Ritters, trocknete rasch. Ich rückte den Ritter, der halb hingesunken war, wieder zurecht, dass er aufrecht und würdevoll sitzen konnte. Er duldete es schweigend.

 

Nachdenklich betrachtete ich nun die tiefen Trittspuren und die verkohlten Heidekrautstrünke vor dem güldenen Ritter. Was war denn das? Mein Traum fiel mir ein. Fürwahr, ein lebhafter Traum, der solche Fährte macht... 

 

Mir schien es geraten, das Weite zu suchen, will sagen, die Reise fortzusetzen. Doch kaum war der Entschluss gefasst, da tippte mir jemand auf den Rücken. Ich erstarrte, der Fafnir war wieder da! Langsam, vor Schreck etwas schnatternd, drehte ich mich um. Nun, es war nicht der Fafnir, Gott sei Dank!

 

Vor mir stand eine schmucke, eine betörend lächelnde, eine blaugeäugte zarte, - goldene Flechten umrahmten ihr liebliches... Kurz und gut, es war die Jungfrau. Ein dünnes weißes Gewand umspielte ihre zarten Glieder.

 

Mich erfasste ein tiefe Zuneigung zu der Lieblichen, und Zorn erfüllte mich gegen ihren abscheulichen Bedrücker. Wo versteckt er sich, der feuerspeiender Höllensohn?, rief ich feurig, er soll mich kennen lernen!

 

Sie aber, die Jungfrau, legte den Finger an die Lippen, hieß mich stille schweigen. Sie schwankte etwas, sank mir in die Arme und hauchte: Ach, du!

 

Ach du! hauchte sie, indem sie mich bewundernd musterte, ach du! Wir setzten uns auf die Heide, in scheuer Umarmung vereint. Was hast du denn mit dem Fafnir gemacht?, flüsterte sie schließlich, der ist ja wie umgewandelt.

 

Die Frage war ihr kaum entschlüpft, da hörten wir schon den dröhnenden Schritt und das Zischen und Keuchen des Drachens. Und wieder stampfte er an mir vorbei, schnurgerade auf den Ritter zu.

 

Oh Güldener!, intonierte der Drache heiser, ich grüße dich und danke dir für unser nächtliches... für meine nächtliche - Belehrung! Von allen Rittern, die ich traf (und so manchen, meinte er düster, traf ich tödlich), bist du der erste und einzige, der... Kurzum, durch dein kluges Schweigen hast du mir das Herz geöffnet. Nur so, indem wir abseits stehen, können Weisheit wir erlangen. Auch ich will dir nun folgen und fürderhin dem Schweigen mich verpflichten.

 

Erwartungsvoll hielt er inne, einer Antwort harrend. Der Ritter schwieg. Fafnir hob die Stimme: Oh Güldener, rief er, Oh Herrlicher, gewähre mir die Freude einer Antwort! Schweigen willst du, doch flehe ich dich an, nimm mich auf als deinen Schüler, biete Willkommen mir, nicke gnädig mit dem Kopf!

 

Der Ritter schwieg, reglos saß er da.

 

Da reckte der Fafnir den langen Hals, langsam, kurzsichtig näherte er seinen Kopf dem Helm des Ritters, suchte Einblick, suchte die Augen hinter den Augenschlitzen. Dabei stieß er wohl mit der Nase an das Blech, denn man hörte ein Scheppern als sause die Katze durch die Küchentöpfe. Der güldene Helm stürzte herab, rollte über die Steine...

 

Der Fafnir fuhr zurück. Vor ihm saß der güldene Ritter, oder vielmehr seine Rüstung, kopflos da. Hohl, hohl ist er!, brüllte der Fafnir verzweifelt, hohl und leer ist der Weise, er ist ... er ist - Luft! Der Drache schluchzte. Heftig schlug sein Schuppenschwanz auf den Boden, hilflos schweifte sein Blick.

 

Als aber sein Blick wieder auf den kopflosen Ritter fiel, musste der Fafnir, er musste - lachen. Erst lachte er leise, wie zur Probe, doch bald kam es über ihn und er lachte schallend. Er lachte schallend und lachte immer mehr.

 

Er lachte und lachte und konnte nicht aufhören. Er hielt sich die Seite, wälzte sich auf den Rücken, er rang nach Atem, brüllend vor Heiterkeit.

 

Und dann, plötzlich - plötzlich war er still. Reglos lag er da.

 

Still war nun die Heide, kein Vogel sang noch, kein Lüftchen regte sich, entsetztes Schweigen weit und breit.

 

Lange standen wir stumm dabei, Zuschauer nur, hilflos, traurig. Wir drückten dem Fafnir die Augen zu, wir murmelten Abschiedsworte. Dann suchten wir unser Rösslein, ritten langsam davon. Im Reiten flüsterte ich der Jungfrau in das Ohr. Das güldene Manneken, flüsterte ich, und das Urweltwesen, wie sollten die zusammen gehen?

 

Hohl der Weise, flüsterte sie zurück, Weisheit suchend das Ungeheuer. Doch nun, im Tode, wird er wohl...

 

Ach, wenn er nun doch noch, flüsterte sie, seine Weisheit fände! Ich wünsche es ihm so sehr...

 

 

 

Ja, sehen Sie, sagte ich schließlich, abermals mein Glas hochhaltend, dass der Wein funkelte: Blut war gar nicht geflossen. Aber Tränen haben wir schon geweint, als wir heim ritten, aneinander geklammert, wie vaterlos, Halt suchend.

 

 

Ach du, - du Drachentöter!, flüsterte der König, mich bewundernd musternd, und: Ach du!, raunte er, die Jungfrau in die Arme schließend.

 

Doch dann straffte sich der König, hell leuchteten seine Augen. Lasst den Pfaffen kommen!, rief er fröhlich, wir wollen Hochzeit halten!

 

 

 

 

 

Dieser glückliche Schluss meiner Geschichte fand nach einer kurzen Pause des Abwägens allgemeine Zustimmung. Man nickte und nickte sich zu, man machte Bemerkungen, wiederholte mit spaßigem Pathos einzelne Sätze und lachte wohl auch darüber. Da hob jener Alte, der mit der Fafnir- Erzählung begonnen hatte, die Hand und sagte:

 

Der arme Fafnir! Tief in sich selbst hätte er wohl mehr Weisheit gefunden als bei diesen Lehrern, meinen Sie nicht auch? Doch merkwürdig! Ist es ihnen aufgefallen, wie nahtlos die drei Erzählungen, Fafnir, Jungfrau und Drachentöter, wie nahtlos sie aneinander anschließen? Als wenn sie aus einer Feder stammten, als wenn sie von dem gleichen Geschehen berichteten. Der Grund wird sein (hier schien es mir als zwinkere der Alte mit den Augen), dass etwas Kostbares, etwas in unseren Tagen Seltenes ihnen zugrun­de liegt: die Wahrheit. -

 

Inzwischen aber, fuhr der Alte fort, bessert sich unser Wetter. Der Sturm legt sich und irr ich nicht, so wird die Sonne bald durch Dunst und Wolken brechen. Da! Sie gibt uns das ersehnte Zeichen zum Aufbruch. Der Herr beschütze Euch und segne Eure Reise.


 

 

 

 

 




         01.03.06       Copyright invoco-verlag       Drucken